Der Aachener Putsch rheinischer Separatisten 1923

Die Veranstaltungspartner EUROPE DIRECT Aachen, das „Europäische Klassenzimmer“ der Route Charlemagne und die Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen organisierten für die letzte Veranstaltung der Reihe „Europa am Dienstag“ von 2022 eine Diskussion zum Putsch rheinischer Separatisten in Aachen 1923. Die Diskussion fand sowohl vor Ort im Grashaus als auch online als Webinar statt. Insgesamt nahmen 47 Interessierte an der Veranstaltung teil.

Datenschutzhinweis

Diese Webseite verwendet YouTube Videos. Um hier das Video zu sehen, stimmen Sie bitte zu, dass diese vom YouTube-Server geladen wird. Ggf. werden hierbei auch personenbezogene Daten an YouTube übermittelt. Weitere Informationen finden sie HIER

Am 21. Oktober 1923 proklamierten separatistische Aktivist*innen in Aachen einen neuen Staat: die Rheinische Republik. Dieser Aachener Putsch markiert den Beginn mehrmonatiger politischer Unruhen im gesamten Rheinland. Auch in Aachen kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, bevor die belgischen Besatzungsbehörden den Putsch nach knapp zwei Wochen beendeten.

22 12 06 EaD Separatisten Referenten 300Der Vortrag beleuchtete die Ereignisse auf der Basis neuer Forschungen und stellte ihn in den Kontext des Jahres 1923, in dem die Weimarer Demokratie eine ihrer schwersten Krisen erlebte. Als Experten standen der Leiter des Aachener Stadtarchivs Dr. René Rohrkamp und des wissenschaftlichen Archivmitarbeiters Dr. Thomas Müller zur Verfügung. Die beiden Geschichtswissenschaftler haben zusammen mit anderen bereits etliche Bücher und Aufsätze über die Geschichte der Region Aachen veröffentlicht, so z. B. über das Warenhaus Tietz in Aachen und über das Kriegsende 1918 in Aachen. Moderiert wurde der Abend von Dr. Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne der Stadt Aachen und Juniorprofessor für Geschichte und Kultur der Region Maas/Rhein an der RWTH Aachen.

Einführend erläuterte Pohle die Brisanz des Themas. Sodann stieg Müller in den Vortrag ein, indem er eine Verbindung zwischen den lokalen Handlungen in Aachen und Entwicklungen in Europa zur gleichen Zeit herstellte. Außerdem zeigte er die Herausforderung der geschichtlichen Forschung auf, da oftmals anders vom Aachener Putsch 1923 erzählt wird, als dieser eigentlich geschah. Die Historiker stellten dem Publikum ihre Forschung vor, welche sie mithilfe deutscher und belgischer Quellen durchgeführt hatten.

Im Vorfeld des Putsches gingen mehrere separatistische Parteien in der Vereinigten Rheinischen Bewegung zusammen, welche später die provisorische Regierung der Rheinischen Republik bildete. Für Müller und Rohrkamp steht nach umfassenden Recherchen fest, dass der Putsch der rheinischen Separatisten im Oktober 1923 und die Rheinische Republik mittels Plakaten proklamiert wurde. Es folgten die Besetzung von Gebäuden, der Rückzug der Separatisten aus dem Rathaus, Kapitulationsverhandlungen mit der zentralen Figur Leo Deckers und die Beendigung des Putschs durch die belgische Regierung. Bei der Räumung der Separatisten aus dem Rathaus durch die Schutzpolizei wurden drei Polizisten getötet. Die beiden Historiker Müller und Rohrkamp schätzen, dass der Putsch mindestens zehn Menschen das Leben gekostet habe. Darüber hinaus gebe es eine mögliche Dunkelziffer an Opfern von Lynchjustiz an den Separatisten.

Rohrkamp beleuchtete die Rolle Belgiens beim Aachener Putsch genauer. Der belgische Militärgeheimdienst wusste bereits einige Tage vorher, dass ein Putsch geplant war, und informierte die belgische Spitzenebene darüber. Belgien wollte damals lediglich die Ruhe und den Frieden in Nordrhein-Westfalen wahren und erreichen, dass Deutschland weiterhin die Reparaturzahlungen aus dem Ersten Weltkrieg beglich. Es bat Frankreich und Großbritannien als Großmächte per Funk um eine Stellungnahme, wie mit dem Putsch umgegangen werden sollte. Schließlich meldete sich Großbritannien mit der Anweisung, den Putsch zu beenden, weil mit der Gründung einer Rheinischen Republik der Versailler Vertrag hinfällig würde und die Begleichung der Reparaturzahlungen durch Deutschland nicht mehr vertraglich gesichert sei.

Nach der Beendigung des Putschs durch die belgische Regierung spaltete sich die Provisorische Regierung und der Separatistenbund zerfiel.

Das Publikum beteiligte sich online und offline rege an der Diskussion und stellte unter anderem Fragen zur pol. Unterstützung der Idee einer Rheinischen Republik, die nicht gering war, der Rolle der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, welche durchaus beteiligt waren, und zu möglichen Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Putsches 2023. Dr. Frank Pohle erwiderte, dass eine Ausstellung nicht geplant sei, da es dafür zu wenig Material gebe. Allerdings wird 2023 ein Buch von Müller und Rohrkamp über den Aachener Putsch rheinischer Separatisten veröffentlicht.